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Utopie? Satire? Oder doch Tatsachenbericht?

Als er vor fünf Jahren mit der Arbeit an seinem aktuellen Roman begann, wollte der russischstämmige New Yorker Autor Gary Shteyngart eigentlich eine bitterböse Satire auf Amerikas Gesellschaft und Politik schreiben. Dass beim Erscheinen von „Super Sad True Love Story“ (das Original erschien 2010, die deutsche Übersetzung im Juli 2011) die Realität seiner Utopie so dicht auf den Fersen sein würde, hat er wohl selbst nicht erwartet.

(Quelle: Amazon)

„In einer sehr nahen Zukunft – nächsten Dienstag, wer weiß?“ Amerika liegt am Boden. Hoch verschuldet bei der Kapitalistischen Volksrepublik China, gefangen in einem aussichtslosen Krieg gegen Venezuela, taumelt das Land seinem gesellschaftlichen, politischen und finanziellen Kollaps entgegen. Die einzig valide Währung ist der Yuan gekoppelte Dollar, und nur wer genug davon besitzt (und vor allem bereit ist, es auch auszugeben!) wird von der Übergangsregierung hofiert, der Rest vegetiert in den Slums im Centralpark dahin.

Der digitalisierte Mensch ist gläsern

Konsum ist Pflicht, genauso wie Jugend. Der Erfüllung dieser Pflicht kann sich niemand entziehen, denn über den „Äppärät“ (einer Art iPhone 10?), den jeder bei sich trägt – ja tragen muss – wird nicht nur alles gespeichert, es ist auch für jeden anderen sichtbar. Cholesterin- und ph-Werte, Vermögen, Kreditwürdigkeit – ein Klick auf den Äppärät und man weiß alles über sein Gegenüber. Wie öffentliche Pranger säumen „Kreditmasten“ die Bürgersteige, um den Bonitätsstatus desjenigen öffentlich anzuzeigen, der an ihnen vorbeigeht.

Stand, Ansehen und Identität werden bestimmt durch Konsumverhalten und Rankings wie etwa „Attraktivität“ oder „Fickfaktor“. Und wehe, man findet sich auf einer Liste wieder wie “100 Personen, die einem leidtun müssen”.

Die unabhängigen Medien sind ausgestorben

Kommuniziert, informiert und konsumiert wird über „GlobalTeens“, eine Art TwitterFacebookSkype. Unabhägige Medien gibt es nicht mehr, man zappt sich durch die zahllosen Streams, die andere User live senden oder man liest die New York Lifestyle Times. Die Sprache verkümmert zusehends zu Kürzeln wie LOL oder IGIMGK (Ich glaub’, ich muss gleich kotzen). Die Scham- und Moralgrenze sinkt stetig – durchsichtige „Onionskin-Jeans“ und nippelfreie BHs sind der letzte modische Schrei und über seine sexuellen Vorlieben und Aktivitäten spricht man emotionsloser und selbstverständlicher als über den Fettgehalt seiner letzten Mahlzeit.

Zwei Welten prallen aufeinander

Mitten in diesem New York der Zukunft lebt das ungleiche Paar Lenny Abramov und Eunice Park. Lenny, 39 Jahre alt, scheint aus einem vergangenen Jahrhundert zu stammen. Er liebt echte, gedruckte Bücher (von denen seine Freunde behaupten, diese würden stinken) und er liest sie sogar (während alle anderen Texte nur noch nach Informationen scannen). Und als sei das nicht schon skurril genug, schreibt Lenny auch noch ein Tagebuch. Als er Eunice trifft, verliebt er sich sofort in sie und ihre Jugend und beschließt, mit ihr zusammen unsterblich zu werden. An der nötigen Technik mangelt es nicht – schließlich arbeitet Lenny in der Abteilung „Posthumane Dienstleistungen“ einer Firma, die mittels Ernährungsdesign und Nanotechnologie („SmartBlood“) grenzenlose Lebensverlängerung an ein zahlungsfähiges Klientel verkauft.

Eunice dagegen ist ein Musterbeispiel ihrer Generation. Die 24jährige Tochter koreanischer Einwanderer ist konsumversessen, abgebrüht, jung und fast schon anorektisch schlank. Sie kauft ihre nicht-entflammbare Kleidung via Äppärät bei „Ass Luxury“ oder „Juicy Pussy“ und lebt auch sonst ganz in der virtuellen Realität von GlobalTeens.

Als im Centralpark plötzlich die Slums brennen werden ihre beiden Welten auf eine existenzielle Probe gestellt.

 

„Super Sad True Love Story“ ist abwechselnd komponiert aus Lenny Abramovs analogen Tagebucheintragungen und Eunice Parks digitaler GlobalTeens-Konversation. So erfährt der Leser ein und dieselbe Geschichte aus zwei völlig unterschiedlichen Perspektiven, Erlebniswelten und Medien. Durch diesen einfachen, wie wirkungsvollen Handgriff baut sich ein Sog auf, der dieses Buch zu einem echten Pageturner macht. Frei nach Tschechow und Tolstoi erzählt, vereint dieser Roman existenzielle Themen wie Liebe, Moral und Identität mit beklemmend aktuellen Ausblicken auf die Zukunft der Weltwirtschaft und die Generation Web 2.0 … 3.0 … 10.0 … Wann es soweit sein wird? Vielleicht schon nächsten Dienstag.

Tipp: Ein großer Teil der Klasse dieses Buches resultiert aus dem großartigen Sprachwitz und den Wortschöpfungen des Autors. Obwohl die deutsche Übersetzung von Ingo Herzke sehr gut ist, empfehle ich daher die Lektüre des englischen Originals.

Zum Autor: Gary Shteyngart wurde 1972 in Leningrad (St. Petersburg) geboren. Mit seinen jüdisch-russischen Eltern emigrierte er im Alter von sieben Jahren in die USA. Nach seinem Politikwissenschaftsstudium arbeitete er für verschiedene Non-Profit-Organisationen. Für seinen ersten Roman „Handbuch für den russischen Debütanten“ erhielt er u.a. den National Jewish Book Award for Fiction. „Super Sad True Love Story“ ist nach „Snack Daddys abenteuerliche Reise“ sein dritter Roman. Gary Shteyngart lebt und arbeitet in New York.

 

„Super Sad True Love Story“ von Gary Shteyngart und Ingo Herzke (Ü)
Rowohlt (15. Juli 2011)
Gebundene Ausgabe, 464 Seiten
ISBN-10: 3498064142
ISBN-13: 978-3498064143

Lars Dombrowski
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